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Meine Tragödie – Teil 1

March 2nd, 2009

“Diese Kasse ist geschlossen!”. Ich denke: “Bitte was? Das hat sie gerade nicht wirklich gesagt? Das muss ein Scherz sein!” Es war leider Keiner… die Rede ist hier von einer unglaublich motivierten US-IKEA-Kassiererin, die mir die Kasse vor der Nase schließt. Aber fangen wir etwas früher an, um die Tragweite dieses Ereignisses besser verstehen zu können.

Die letzten Tage waren für mich durchweg negativ und in höchsten Maße frustrierend. Begonnen hat die Pechsträhne am Freitag, als ich endlich aufbrechen konnte um meine Social Security Nummer zu beantragen. Diese unbedeutend klingende Nummer ist hier in den USA der Ersatz für so ziemlich alles was man in Deutschland mit dem Personalausweis regeln würde und noch weit darüber hinaus. Man braucht sie, um eine Wohnung zu mieten, seinen Strom anzumelden, einen Internet-Anschluss zu bestellen oder ein Bankkonto zu eröffnen. Sie ist also immens wichtig und ich war ausgesprochen froh, mich endlich darum kümmern zu können. Zumal ich ohne die Nummer noch sehr lange auf meinen Internet-Anschluss warten muss und leider ohne ein Konto eröffnen zu können, kein Gehalt ausgezahlt bekommen kann. Also machte ich mich frohen Mutes auf nach Brooklyn, zum verheißungsvoll benannten “Brooklyn Social Security Card Center”. Da es auf halbem Weg zu IKEA liegt, dachte ich mir, gleich im Anschluss noch dorthin zu fahren und die Möbel für mein neues Apartment zu bestellen. Das Beantragen der Social Security Card sollte ja schließlich schnell gehen. Ich hatte alle Dokumente beisammen und, mal ehrlich, wie viele Leute können schon das gleiche vorhaben, richtig? Falsch!

Beim Center angekommen, betrat ich einen stickigen, kalt beleuchteten Raum, der ungefähr 80 Meter lang und 30 Meter tief war. Durch den Raum schlängelte sich eine mehrfach umschlungene Warteschlangen-Absperrung. Leider war die dazugehörige Warteschlange auch dabei. Die ethnische Mischung war, wie man es von New York erwarten kann, sehr vielfältig. Von orthodoxen Juden in einheitlichen schwarzen Kutten, über kleine, dicke Latino-Hausfrauen bis hin zu großen Afro-Amerikanern mit Dreadlocks. Da stand sie also: Die große, schwitzende Menschen-Masse, die nur darauf wartet endlich eine Nummer vom Staat verpasst zu bekommen und sich in das System einzureihen. Der Raum wäre sicher noch viel, viel stickiger und wärmer gewesen, wenn die schlauen Mitarbeiter nicht mitgedacht hätten und in der vorderen, rechten, sowie der hinteren linken Ecke des Raumes je einen kleinen Ventilator aufgestellt hätten. Besten Dank auch. You made my day!

Dennoch war ich optimistisch und froh endlich meine US-Drohnen-Seriennummer zu bekommen. Zumindest war ich das die erste Stunde lang. Die nächsten (fast) zwei Stunden haben meinen Optimismus in Grund und Boden getreten. Als ich endlich an der Reihe war, kam die übliche US-Regierungsinstitutionsroutine: Alle Gegenstände ablegen, Handy auf Lautlos und ab durch den Metalldetektor. Das Ganze unter der strengen Aufsicht des (mit Schlagstock und Schusswaffe bewaffneten) Wachmanns. Kein Piepen. Alles klar. Weiter geht’s… Endlich ist das elendige Warten vorbei! Fast. Im sechsten Stock angekommen werde ich von einer weiteren Wachfrau in die nächste Warteschlange delegiert. Yay! Eine geschlagene halbe Stunde später bin ich endlich dran! Ich kann mein Glück kaum fassen.

Ich reiche der grimmig schauenden, älteren Frau meine Unterlagen und mache innerlich schon Luftsprünge, weil ich in ein paar Minuten endlich raus aus diesem Bunker bin und diese Tortur nie wieder über mich ergehen lassen muss. Doch das Schicksal hatte andere Pläne für mich. Es erwies sich nämlich als schier unüberwindbares Hindernis, dass ich auf meinem Einreiseformular meinen alltäglich verwendeten Namen “Daniel” eingetragen hatte, wohingegen auf allen anderen Dokumenten entweder mein voller Name “XY Daniel Bechler” oder nur “XY Bechler” standen. Mein Reisepass und Personalausweis beweisen zwar, dass ich beide Namen trage und es ich auch vermerkt, dass Daniel mein Rufname ist, aber es hilft alles nichts. Nach einigem hoffnungserweckenden und dann wieder -zerschmetternden Hin- und Her wurde ich mit einem Schreiben in der Hand an eine andere Behörde weitergeschickt, wo ich mein Einreiseformular ändern muss. Mit der geänderten Version muss ich dann erneut zum Social Security Card Center kommen. “Gehen Sie ins Gefängnis. Gehen Sie nicht über Los und ziehen Sie keine 4000 Mark ein.” Ich beginne zu verstehen, warum die Leute dort hinter Panzerglas sitzen und von bewaffneten Wachen beschützt werden.

Ich schlug mir für diesen Tag also IKEA aus dem Kopf und wollte mich darauf konzentrieren, alles für die Social Security Card in die Wege zu leiten. Zurück in Manhattan habe ich schnell auf Google Maps nachgesehen, wo ich hin muss. Na großartig: China Town. Ich mag China Town nicht. Es ist dreckig und wahnsinnig laut und anstrengend. Was soll’s… Augen zu und durch. Noch schnell die Öffnungszeiten checken und dann… FUCK! 10 Minuten, dann schließt der Laden bis Montag. Das wird nichts mehr. Scheisse.

Fazit: Keine Social Security Nummer, keine Möbel, kein Strom, kein Internet, kein Bankkonto und somit vorerst kein Gehalt. Habe ich schon erwähnt, dass es circa zwei Wochen dauert, bis man die Social Security Nummer zugeschickt bekommt? Das Leben ist so schön! Schlimmer kann es echt nicht mehr werden. Dachte ich zumindest. Doch es geht weiter. Wartet auf die Geschichte von meinem Samstag bei IKEA…

Manhattan ist das neue Brooklyn

August 2nd, 2008

Jetzt ist es wieder mal soweit, es war auch allerhöchste Zeit
und wir sind wieder mal genial – tut uns furchtbar leid
wie immer schlauer als der Rest, also bitte keinen Neid
halt die beste Band der Welt, bei aller Bescheidenheit
haben wir euch gefehlt? Habt ihr uns vermißt?
ist euch jetzt klar, daß mit uns die Welt schöner ist?
seid ihr wieder froh? na, was für ein Glück
wir sagen hallo, denn wir sind zurück – wir sind da
wir sind wieder da?
Wir lungern nur an Schulen rum, verkaufen kleinen Kindern Crack
wir singen unzüchtige Lieder und geh’n abends lange weg
Tischmanieren sind uns fremd, wir essen selten mit Besteck
die Plattenfirma schickt uns jedes Jahr ‘nen dicken Scheck
habt ihr uns vermißt? haben wir euch gefehlt?
habt ihr heimlich geweint und die Tage gezählt?
ja wir sind zurück und es riecht nach Urin
wir sind die Ärzte – aus Berlin, AUS BERLIN

Wenn ich Die Ärzte wäre, wäre das wohl meine Hymne. Lange ist es her. Es ist ruhig um mich geworden. Ich weiß. Aber ich bin wieder da! Vermutlich aus Rücksicht auf meinen Geburtsort (Wolfenbüttel, 55.000 Einwohner) wurde mir hier in New York eine Schonfrist in Form eines mehrwöchigen Aufenthalts in dem beschaulichen, kleinstädtischen Williamsburg, Brooklyn gewährt. (Sechs Jahre Berlin zählen scheinbar nicht.) Dementsprechend ruhig ist es die letzten Tage und Wochen um mich geworden. Es ist nämlich durchaus Motivations-hemmend, wenn man bei 34 Grad im Schatten und 60% Luftfeuchtigkeit 25 Minuten in der prallen Sonne bis zur (Sauna-ähnlichen) U-Bahn-Station laufen muss und 20 Minuten in einer 15 Grad kalten U-Bahn zu fahren, nur um ein bisschen (ziellos) durch Manhattan zu laufen.

Doch damit ist jetzt Schluss! Heute sind wir nämlich in das neue Apartment im Ludlow mitten in Manhattan gezogen. Genau gesagt in der Lower East Side, was mittlerweile einer der angesagtesten Stadtteile ist und tolle Clubs, Lounges, Restaurants und Shops nur ein paar Schritte von der Haustür entfernt sind. Durch meine, mittlerweile zur festen Institution gewordenen, Donnerstag-Abend-Bier-und-Burger-Abende mit Philipp in genau dieser Gegend, konnte ich mich schon ein bisschen mit den Lokalitäten bekannt machen. Jetzt bin ich wirklich in New York angekommen. Jetzt bin ich, wenn ich will, in 10 Minuten im Central Park und kann von dort innerhalb von 5 Minuten ins IMAX gehen, um mir The Dark Knight anzusehen. Und genau DAS werde ich morgen auch tun! Jawoll ja! Endlich!

Heute war allerdings erstmal Pilgertag, mit dem wir uns diesen Luxus verdienen mussten. Nachdem wir mit insgesamt 10 Gepäckstücken aus dem Brooklyn-Apartment raus sind, sind wir mit dem Taxi zum Ludlow gefahren, wo wir um 10:30 ankamen und mit offenen Ar… moment. Nein! Eher mit bestürzten Blicken empfangen wurden. “Das Apartment” sei “noch nicht zugänglich”, wurde uns freundlich aber bestimmt gesagt. Unser Gepäck können wir im Büro der Hausverwaltung abstellen und sollen dann bis 13 Uhr in irgendeinem Cafè warten. Dumm nur, dass IKEA bereits auf dem Weg war, um zwei Betten zu liefern und Abweichungen im Terminplan ein Ding der Unmöglichkeit sind. Flexibel sind die Leute hier nicht gerade. Man “werde dafür sorgen, dass IKEA die Betten ins Apartment bringen kann”, klang uns optimistisch entgegen. Alles klar. Also haben wir das Gepäck verstaut und uns mit unseren Rucksäcken samt Notebooks auf den Weg zum nächsten Starbucks gemacht.

Einen Venti-Iced-Coffee-Mocca-to-Go, ein trockenes Sandwich und einen gescheiterten Kostenlos-WiFi-Hack-Versuch seitens Gerald später, war es auch schon kurz nach 12 und IKEA meldete sich telefonisch. Wir sollen vorbei kommen, und die Lieferung überprüfen. Also wieder auf ins Ludlow und kurze Wartezeit später hoch ins Apartment. Der IKEA-Mann hatte Glück, dass der Aufzug funktioniert hat, sonst hätte er nämlich 16 schwere Kartons 25 Stockwerke hoch schleppen dürfen. Muhaha!

Als wir das Apartment betreten haben, war hier noch High-Life. Elektriker und einer der unzähligen Hausmeister waren noch dabei, letzte Arbeiten abzuschließen. Einer der (ebenfalls unzähligen) Hausverwalter (Michael) hat noch schnell unser Parkett gereinigt und kurze Zeit später haben auch schon er und ein paar Leute unser deponiertes Gepäck hochgebracht. Immer noch reumütig wegen der Verspätung, hat er uns zum Lunch eingeladen. Nachdem er unsere Bestellung für ein kleines Deli in der Nähe aufgenommen hatte, ist er losgelaufen und hat uns leckere Avocado-Blauschimmelkäse-Hähnchen-Mayonaise-Salat-Sandwiches mit-ohne Bacon (O-Ton: I decided, it’s not good for you! Way too heavy!).

Wir haben die Zeit genutzt, um das 5-MBit Up-und-Downstream-Haus-WiFi-Internet frei zu schalten und nach ein paar Minuten munter los zu surfen. Das hat wunderbar geklappt und ist eine echte Genugtuung nach den vielen Internet-Ausfällen, die wir in Williamsburg zu verschmerzen hatten. Kaum waren wir ein paar Minuten online, stand er gute Michael auch schon mit den Sandwiches hinter uns. Er wusste nicht mehr, ob ich Diet Pepsi oder Diet Coke haben wollte, deshalb hat er kurzerhand beides mitgebracht und es erstmal mit der Pepsi versucht, um im Zweifelsfall die Coke aus seinem Büro zu holen. Nette Geste! Das gibt Pluspunkte! Das Sandwich war lecker und dann ging es auch schon zu dem nächsten Punkt an der Tagesordnung über: IKEA-Betten aufbauen.

Der Aufbau lief auch tatsächlich problemlos, allerdings hat Gerald merkwürdige High-Tech-Lattenroste gekauft, die in ihre Atome zerlegt ankamen und von uns in mühevoller, stundenlanger Handarbeit zusammengesteckt werden mussten. Ich sage nur: Einmal und nie wieder! Ich habe immer noch Rückenschmerzen davon! Irgendwann war es aber geschafft und es ging direkt weiter im Programm: Bettwäsche waschen!

Mit Ach-und-Krach haben wir alles in unsere Miniatur-Waschmaschine quetschen können und haben den Waschgang angeworfen, um direkt weiter in den nächstbesten Möbelladen zu gehen um uns mit ein paar Basics einzudecken. Wenn ich sage “nächstbesten” meine ich leider nicht die vielen kleinen Läden, die alles haben und nur eine Minute vom Apartment entfernt sind, sondern den, der 30 Minuten Fußmarsch zum Broadway entfernt ist. ;-) Dort haben wir uns mit Duschvorhängen, Duschvorlegern, Lampen, Gläsern, etc. eingedeckt und haben alles fleißig zurück ins Apartment geschleppt. Fertig? Nein! Es ging direkt weiter in den (diesmal wirklich) nächsten Drug-Store, um Klopapier, Küchentücher, Müllbeutel, usw. zu kaufen.

Wer denkt, “nun reicht es” aber irrt sich gewaltig. Denn nachdem wir auch das alles wieder im Apartment abgeliefert haben sind wir Lebensmittel einkaufen gegangen. In einem sehr, sehr, sehr, sehr großen Bio-Supermarkt. Die Zusammensetzung meiner Einkaufs verteidige ich übrigen damit, dass ich mit einem riesen Hunger einkaufen gegangen bin. Zumindest werden mir jetzt so schnell nicht mehr die Kekse ausgehen. ;-)

Nach dieser Odyssee habe ich mir morgen einen ruhigen Tag im Central Park und Kino redlich verdient und werde jetzt mit absoluter Sicherheit sehr gut schlafen. Ich bin sicher, Manhattan wird mir von nun an wieder sehr viel Material für Blog-Einträge liefern. In diesen Sinne: Gute Nacht!