Der Samstag war leider nicht viel besser. Nach meinem herben Rückschlag in Sachen Social Security Nummer, wollte ich mich zumindest um die Möbel für mein Apartment kümmern. Also machte ich mich um kurz nach zwei Uhr – bewaffnet mit einem Google Maps Ausdruck, meiner sauber recherchierten Einkaufsliste und einer dicken Portion Abenteuerlust – auf eine Reise runter von der Insel und rein ins tiefste Brooklyn. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, was mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst war. Es folgen Auszüge aus dem Logbuch eines rastlosen IKEA-Besuchers.
14:34 – Meine Subway erreicht die Station Smith St and 9th St in Brooklyn. Erstaunlich schnell. Das fängt ja gut an. Heute wird ein guter Tag. Das habe ich im Gefühl. Raus aus der Bahn und hinaus aus der vermutlich schäbigsten U-Bahn-Station die ich je gesehen habe. Doch das stört mich nicht die Bohne. Brooklyn halt. Shabby-schick… das muss so! Jetzt erstmal zu Fuß zu IKEA kommen.
14:51 – Phew. Ein ganz schönes Stückchen und noch dazu ziemlich windig, dreckig und bedrückend hier. Andererseits war es ein netter Spaziergang und mal was Neues. Und dort am Horizont tut sich mein Ziel auf: eine blaue Bau-Container-Halle mit großer, gelber Schrift. Sieht ja genau aus, wie in Deutschland. Heimspiel quasi. Also Eingang finden und los geht’s!
15:02 – Also wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich wirklich denken, im Berliner IKEA zu sein. Also iPod aufgedreht und dann rein ins Vergnügen! Ferris MC und die Beginner halten den Stresspegel niedrig und lassen meine Möbelsuche tatsächlich entspannend wirken. Oh, hier vorne steht schon mein Nachttisch. Super! Aufgeschrieben und weiter.
15:19 – Hm, der Schreibtisch hat online irgendwie größer ausgesehen. Ich würde schon gerne noch eine Flasche Wasser neben mein Notebook stelle können. Da muss ich wohl stöbern. Es wird ja sicher noch etwas besseres geben. Oh, da sind auch die Bürostühle. Gleich mal Probe sitzen.
15:26 – Der Stuhl, den ich mir ausgesucht habe, scheint bequem zu sein. Der ist nämlich konstant von irgendwelchen Leuten belegt, die sich ausruhen wollen. Mein Probesitzen gestaltet sich dadurch leider schwierig. Aus den Kopfhörern tönt ein aggressiver Ferris MC. Nun ja, erstmal die anderen Stühle ausprobieren. Der da hinten sieht bequem aus!
15:51 – Es gibt definitiv wesentlich bequemere Stühle, als den, den ich mir ausgesucht habe. Aber will ich wirklich 100$ mehr dafür ausgeben, wo ich doch eh nur eine begrenzte Zeit hier drüben sein werde? Lieber nicht. Keep it cheap. Schlecht ist er ja nicht. Aber was mache ich jetzt mit dem Tisch?
Einige Zeit später habe ich eine ausreichend große Tischplatte gefunden und mich für die passenden Beine entschieden. Arbeitsplatz ist abgeschlossen! Wee!
16:27 – Mir fällt auf, wie viele dicke Leute hier herumlaufen. Wenn der Durchschnitt durch die IKEA-Besucher representativ für die USA ist, ist das der endgültige Beweis dafür, dass hier drüben alles immer besonders groß und fettig ist. Ich bin mittlerweile durch die Küchenabteilung gelaufen und erreiche den Betten-Bereich. Passend zum Wendepunkt meiner Stimmung wechselt die Musik zu Muse.
16:48 – Wo zur Hölle ist das Bett? Ich habe es doch online gesehen. In weiß. Es steht zwar hier, aber bei den Farben wird kein Weiß erwähnt und noch dazu ist es 20$ teurer. Mein Plan die Wohnung komplett weiß einzurichten droht zu Kippen. Genau wie meine Stimmung, wenn ich auf meine Liste schaue, um zu sehen, was mir noch alles fehlt. Viel zu viel. Ich muss mich ranhalten. Um das Bett kümmere ich mich später. Erstmal der Rest…
17:13 – Die Betten-Abteilung ist unübersichtlich. Überall steht mein Bett, allerdings nirgends in weiß. Dafür habe ich endlich die Matratzen entdeckt. Ich wollte eine der Günstigeren haben. Aber nach einem kurzen Probeliegen auf meinem auserwählten Modell und der etwas teureren, direkt daneben liegenden Matratze ändere ich meine Meinung und beschließe etwas mehr Geld für einen gesunden Rücken auszugeben. (Und die war so schön weich!) Aber natürlich teste ich vorher noch alle anderen Modelle durch.
17:29 – Ok, ich habe die Matratze und außerdem bin ich auch einen Betten-Produkt-Zettel gestoßen, auf dem alle Bettartikel gelistet sind. Dort sehe ich meinen Bettrahmen und weiß. Jackpot. Meine Stimmung hellt sich etwas auf. Passend dazu beschließe ich, wieder die Beginner anzumachen. Nun fehlt nur noch der Lattenrost. Hier wollte ich eines der günstigeren, einstellbaren Modelle nehmen. Doch dann entdecke ich eine erweiterte Version mit wesentlich mehr Latten und noch mehr Einstellungsmöglichkeiten. Was soll ich sagen? Ich bin ein Nerd, ich brauche Sachen mit Einstellungsmöglichkeiten. Ich beschließe allerdings einen teuren Spiegel aus meiner Liste zu streichen, um die Mehrkosten beim Bett auszugleichen.
17:52 – Der kleine Billy will nicht im Kinderparadies abgeholt werden, sondern spielt Verstecken mit mir. Wie kann einer der prominentesten IKEA-Artikel so gut versteckt sein? Drei Runden um den ganzen Laden später finde ich endlich die kleine Nische mit dem Billy-Regal, das ich für Gerald mitbringen soll. Doch der Preis? Doppelt so teuer wie erwartet! Das geht so nicht. Erstmal Gerald anrufen und doppel-checken! Aber wie sollte es anders sein: Kein Empfang! Einen weiteren Rundgang um den Laden später habe ich ein Signal und kann telefonieren. Preis passt. Super. Abgehakt.
18:16 – Ich bin langsam müde und habe Hunger. Es fehlen noch ein Badezimmer-Regal, ein Teppich, zwei Kommoden und einige Kleinteile von Marktplatz. Doch wo sind hier überhaupt die Badezimmer-Artikel? Ich habe noch nichts dergleichen entdeckt. Also ab an einen Info-Stand und den Verkäufer fragen. “Wir führen hier keine Badezimmer-Möbel.” Ich wollte gerade einen lauten Seufzer ausstoßen, als er hinzufügte: “Das steht alles unten im Marktplatz rum.”. Ein TV-Show würdiger Cliffhanger. Ich bedanke mich und sehe schon die Treppe zum Marktplatz. doch was ist mit meinen Kommoden? Die werde ich auch so finden. Vorbei am Restaurant und runter zum Marktplatz.
Moment? Restaurant? Ich hatte Hunger und Durst! Warum bin ich nicht ins Restaurant gegangen? Ich wusste nicht, wie lange der Laden noch offen hat und wollte erstmal alles erledigen, bevor ich mir etwas Verpflegung gönne. Ein Fehler.
19:00 Kürzen wir die Sache ab. Der Markplatz war vollgestopft mit 8-Köpfigen, wild, in alle Richtungen laufenden Ami-Familien, die von mir Abzeichen für “Im-Weg-stehen” und “Vor-den-Füßen-rumlaufen” bekommen. Nach viel Hin- und Hergerenne, habe ich alle fehlenden Ding beisammen (Lampen, Pflanze, Vase, Badezimmer-Regal, …) Ich bin unglaublich hungrig und weit und breit gibt es keinen Getränkeautomaten. Zum Glück stehe ich schon vor der großen Lagerhalle und kann anfangen meine Sachen zusammen zu sammeln. Gleich vorne entdecke ich meine fehlende Kommode und wuchte sie mit allerletzter Kraft auf meinen Wagen. (Für den ich Schlange stehen musste!)
Ich beginne meine Dinge zusammen zu suchen und stelle irgendwann fest, dass es nicht sonderlich clever war, die Einrichtung für ein ganzes Apartment ganz alleine Kaufen zu gehen. Ich muss es ja noch irgendwie zum Home-Delivery-Service bringen! Ich bin allerdings überzeugt, dass ich dort in mehreren Etappen aufschlagen kann. Eigentlich eher pro-forma erkundige ich mich bei einer IKEA-Angestellten und die sagt mir, dass man dort alles gebündelt hinbringen muss. Ich bin schockiert, denn ich habe kaum mit Aufladen angefangen und schon einen Wagen voll. Als Sahnehäubchen erklärt mir die gute Frau auch noch, dass ich den Wagen nicht alleine stehen lassen kann, weil er sonst leergeräumt und weggebracht wird. Freundlicherweise erlaubt sie mir, den Wagen neben ihrem Info-Stand zu parken und den Rest zu suchen.
Das änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass meine Laune sich auf den Null-Punkt hinbewegt, denn nach fast 5 Stunden im IKEA möchte ich einfach nur noch nach Hause. Essen. Trinken. Aber daraus wird so schnell nichts. Es dauert ungefähr eine Stunde, bis ich alle meine Teile zusammen habe. Von einigen kleinen Korrekturen abgesehen, habe ich alles bekommen, was ich haben wollte. Nur wie bekomme ich jetzt meine Wagen zur Kasse.
20:00 – Die Frau, die auf meine Wagen aufgepasst hat, bietet mir an, einen Kollegen per Funkgerät zu ordern, damit er mir hilft, den Wagen zur Kasse zu bringen. Ein toller Service denke ich mir. Die Leute hier arbeiten Kundenorientiert. Klasse! Der IKEA-Mitarbeiter fährt meinen Wagen zu einer Kasse und verschwindet wieder. Ich freue mich, bald fertig zu sein und essen zu können. Leider tritt nun die Situation vom Anfang unserer Geschichte ein und die Kassiererin schließt unmittelbar vor mir die Kasse. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich Hilfe brauchte um meine Wagen zu steuern und dass mich ihr Kollege zu ihrer Kasse gebracht hat. Es half nichts. Sie ignorierte mich und ging. Da stand ich nun. Zwei voll beladene, kaum noch steuerbare Wagen. Irgendwie schleppe ich mich mit letzter Kraft an eine andere Kasse, bei der ich aber ein gewohnt unglückliches Händchen bewiesen habe und die langsamste Kassiererin des Universums erwischt habe.
20:34 – Ich bin an der Reihe. Die sichtlich überforderte Verkäuferin müht sich mit dem Scannen meiner Waren ab und vergisst am Ende auch noch, mir meinen Aktionsgutschein im Wert von 100$ für den Kauf eines Bettes zu geben. Ich war Gedanklich leider auch nicht mehr auf der Höhe, um rechtzeitig daran zu denken. Schade, aber ich kann’s nicht mehr ändern. Viel wichtiger ist jetzt, noch vor Ladenschluss um 21 Uhr zum Home-Delivery-Service zu kommen und meine Waren verschicken zu lassen.
20:48 – Unglaublich. Ich habe es alleine mit meinen zwei Wagen zum Home-Delivery-Service geschafft und meine Artikel wurden erfasst und die Lieferung für den nächsten Tag (Sonntag!) zwischen 10 und 2 Uhr eingeplant. Ich bin froh aber geistig und körperlich völlig am Ende. An der Hotdog-Bar kaufe ich mir zwei Flaschen Wasser, welche ich in wenigen Zügen weg-inhaliere. Nun aber schnell weiter zum Shuttle-Bus, der um 21 Uhr zum letzten Mal fährt. In der Düsternis möchte ich nicht unbedingt durch das dunkle Brooklyn-Industrie-Gebiet irren. In letzter Minute erwische ich den Bus, und werde an der gleichen Station, an der ich Nachmittags angekommen bin, abgesetzt.
Die Rückfahrt mit der Subway kommt mir ewig vor, doch um ungefähr 22 Uhr bin ich müde und erschöpft im Apartment von Gerald und Andreas angekommen und nach einer kurzen Mahlzeit ins Bett gefallen. Am nächsten Morgen bin ich früh aufgestanden, um meine Lieferung ab 10 Uhr entgegen nehmen zu können. Um 9:30 klingelt mein Telefon und der Lieferant beschwert sich, dass er an meiner Haustür klingelt und niemand aufmacht. Ich erkläre ihm schnell, dass er zu früh dran ist und mache mich im Laufschritt auf den Weg zu meinem Apartment. Kurze Zeit später sind alle Sachen hochgetragen und ich stehe alleine mit einem Haufen Kartons in meinem Raum und weiß nicht wo ich anfangen soll.
Der Aufbau des Bettes hat mit der Hilfe von Ted ungefähr 3 Stunden gedauert und als wir endlich als krönenden Abschluss die Matratze ausrollen, stellen wir mit entsetzen fest, dass die falsche Matratze geliefert wurde und sie viel zu klein für das Queen-size Bett ist.
Abschließend kann ich wohl froh sein, dass IKEA alles da hatte, was ich brauchte. Ich habe aber für die nächsten zwei Jahre erstmal wieder genug von diesem Laden und hoffe, dass ich die Matratzen-Situation schnell geregelt kriege.
Dieses Wochenende war wirklich alles, aber nicht erholsam. Ich brauche dringend eine Pause vom Wochenende. Montag winkt allerdings gleich wieder die Social Security Nummern-Situation…